"On the Movements and Habits" by Gilles Pegel

Technical College Petange

Luxembourg

„On the Movements and Habits“ ist das monumentalste Werk

Gilles Pegels. Und auch das inkarnierteste."

Der Name dieses Kunstwerks leitet sich vom Titel eines 1865

herausgegebenen Artikels Charles Darwins „On the Movements and Habits of climbing Plants“ ab, in dem Darwin sogenannte pervertierte Spiralen beschreibt: „Andererseits, eine Ranke die ein Objekt an ihrem Ende greift, dreht sich zwangsläufig in einem Abschnitt in eine Richtung und in dem anderen Abschnitt in die entgegengesetzte Richtung, wobei die in entgegengesetzter Richtung gedrehten Windungen durch ein kurzes,

gerades Segment getrennt sind. Diese sonderbare symmetrische Struktur wurde von mehreren Botanikern beobachtet, aber nicht erklärt. Man findet sie ohne Ausnahme bei allen Ranken, die sich nach der Berührung eines Objekts spiralig entwickeln; aber sie ist natürlich am offensichtlichsten bei langen Ranken“. Gilles Pegel erzählt uns von Pervertierung, und zwar ohne übertreibende Provokation, ohne Psychologie (das ist der Gipfel) und ohne Tragödie. Seine Kommunikation entfaltet 

sich subtil, fern kommerzieller Schemata und Schockstrategien.

Sein Ausgangspunkt ist geometrisch, rational, wissenschaftlich, der reinsten Tradition der positiven Wissenschaft verpflichtet.

 

Hier provoziert er den Zeitgeist, absichtslos und ohne Skandal. 

Der Bezug zur Spirale ist offensichtlich, gleichzeitig kommt er auchin einer dialektischen Kommunikation zum Tragen, in der das Einfache das Komplexe nicht ausschließt.

Die beanspruchte und offenbarte Einfachheit setzt eine tiefgründige Recherche und eine sorgfältige Arbeit des Künstlers voraus.

Pegel pervertiert in Schichten. Er arbeitet an etwas, legt es beiseite, holt es wieder hervor. Er lässt die Zeit für ihn arbeiten – die Verschiebung entsteht auf ganz natürliche Art und Weise.

 

Seine Gegenstände, wie auchdie ihn drängenden Vorstellungen, verändern sich und werden bei jeder Neuvorlage mit Sinn gefüllt, gleich einer Art schrittweise gebauten Ready-Made, dessen Zweck seine Gegenstände sind. Das Ranken-Thema durchzieht

Pegels gesamtes Werk. Während er das Motiv in seinen ersten Graffitis aus technisch-ästhetischen Gründen verwendete – wie er selbst sagt, aus Gründen der Mühelosigkeit – tritt die Ranke in mehreren späteren Werken wieder auf, bis sie sich als eigenständigen Gegenstand etabliert.

Die Spirale verlässt die Beton- und Leinwände und entfaltet ihre gesamte Kraft im Raum, wie ein Wesen, das zu voller Reife gelangt.

Warum dieses Interesse an Pervertierung? Weil sie uns erlaubt, dieRealität zu verdrehen und Durchbrüche, Luftzugänge im gespannten Netz der Realität zu schaffen. Weil man ziemlich naiv sein muss, um Wahrheit und Realität zu verwechseln, zu vergessen, dass letztere auf künstlichen und sich bewegenden Strukturen fußt, und dass die Kategorien, die beide schaffen, bei genauem

Hinsehen unscharfe Grenzen aufweisen. Hier offenbart sich die Finesse der Pegelschen Methode: unter dem Schein des Vernunftglaubens, stellt er gleichzeitig den Vernunftglauben und seine Infragestellung in Frage.

Nicht außerhalb sein, akzeptieren, da zu sein, weil man ohnehin, in der einen oder anderen Weise, da ist. Gilles Pegel bemüht sich zu verstehen, steht zu dem, was er analysiert und kritisiert es von innen, mit kleinen Verschiebungen des Inhalts, der Formen, der Prozesse und der Größenverhältnisse.

Dieses Werk wurzelt in der Tradition der religiösen Kunst, in der Symmetrien und Kreise Attribute Gottes darstellen. Der Kreis evoziert in dieser Tradition die Unendlichkeit auf Erden, da er unendliche Seiten hat. Diese „klassische“ Kunst der Inkarnation von Unendlichkeit in einer Form findet im Okzident ihren Höhepunkt in der virtuosen Spirale von Borrominis Sapienza, diesem Wissenschaftstempel, in dem der Architekt Erde und Himmel zu einer unendlichen Bewegung zwischen Form und Leere symbolisch einte. Die Form des Kunstwerks vermittelt uns Unendlichkeit, Unsichtbarkeit und führt uns zu etwas, das außerhalb der Realität steht.

Die Installation unterstreicht die Beziehung zwischen Himmel und Erde durch die Art und Weise der Inszenierung. Die in Teilen oberirdische Spirale verleiht die Illusion, dass ihre Ringe unter der Erde fortgeführt werden, schließlich verschwinden und sich bis ins Unendliche weiterentwickeln. Diese Anordnung bildet den Ausbruch in die Realität einer Bewegung ohne Anfang und Ende ab, einer Bewegung, die sich in der Realität pervertiert und sich dann entfernt. Dem Künstler gelingt es, den Anschein eines Übergangs zu schaffen, eine Abfolge von Toren (Triumphbögen oder Kirchenportalen), die uns in diesen anderen Raum ruft und uns einlädt, der Leere, dem Nichts, dem Unsichtbaren in uns in unterwürfiger Art zu horchen.

Die Konstruktion der Betonteile für die Spirale stellt eine Herausforderung an die Materie dar, die ohne Rückgriff auf modernste, derzeit auf dem Markt verfügbare Technologien nicht m.glich gewesen w.re. Dieses Paradox belustigt Gilles Pegel. Die Erstellung des kleinen Silikonmodells ist recht einfach, wenn alles überlegt und geplant ist. Dagegen ist die Übertragung des Modells auf die Betonelemente ein komplexes Verfahren, wobei das Kunstwerk mit den Grenzen des Produktionssystems spielt. Jedes Betonteil erfordert die Verwendung einer CNC-gefrästen Sonderschalung. Die Wirklichkeit wird so mit computergestützten Mitteln nachgebaut, so dass sie auf ein anderes Material und eine andere Skala übertragen werden kann.

Die Bewegung dieses Kunstwerks wahrnehmen hei.t daher auch, sich der

unsichtbaren Bewegungen, die Realität schaffen und bedingen, bewusst zu werden. Die Schalung ist nicht mehr sichtbar, abgesehen von ihren Spuren.

Die Kommunikation der Zahlen und Maschinen ist still geworden. Trotz ihrer Unsichtbarkeit sind sie dennoch untrennbar mit der Bewegung des Werks verbunden und tragen zu der Vielschichtigkeit, der Tiefe und der Verankerung des Werks in der Welt, wie sie heute produziert wird, bei.

Diese Skulptur verdichtet den Zeitgeist und nimmt die Schüler des LTMA

in ein Anderswo mit, das außerhalb des Schulsystems und der Welt einfacher Rechenbeispiele liegt. Werden sie das ihnen gemachte Geschenk gebührend würdigen? Werden Sie den Ruf des Lebens von diesem gestrandeten Walskelett wahrnehmen? Auch wenn dieses monumentale und kraftvolle Kunstwerk sich bereits unweigerlich einen Platz in ihren Jugenderinnerungen geschaffen haben wird, bleibt dies mehr als ungewiss.

Fotos von

Eric Chenal

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